Badische Zeitung vom 26. Januar 2002

ANGERISSEN

V-Leute und andere Verschwörer Dämonen



Wenn sich der Kronzeuge der Anklage als V-Mann, der Informant als Mittäter entpuppt, so ist das keine "Panne".
Die Geschichte zeigt, dass der Staat seine Feinde gelegentlich unterstützen und anspornen muss, um sie besser entlarven zu können.

"Wir werden euch schon zu Terrorakten provozieren", drohte der Chef der zaristischen Geheimpolizei Ochrana 1901 den Sozialrevolutionären, "und dann werden wir euch vernichten";

tatsächlich war der Topterrorist Azef ein Geheimagent jener Behörde, die nach einem Wort von Hans Magnus Enzensberger nicht bloß Komplize, sondern geradezu ein "Vollzugsorgan der Revolution" war. Im Rechtsstaat, so steht es in den Richtlinien des Verfassungsschutzes, darf "eine Quelle weder die Zielsetzung noch die Aktivitäten eines Beobachtungsobjekts entscheidend beeinflussen". Aber das ist ein lebensfremder Grundsatz: Der V-Mann muss an vorderster Front vertrauensbildende Maßnahmen treffen.

Heisenberg bewies, dass jede Beobachtung durch die Messgeräte des Beobachters verfälscht wird. Die Schriftsteller wussten das schon immer; schließlich erfindet sich die literarische Phantasie durch Mimikry und Einfühlung dauernd "belastendes Material". Dostojewki beschrieb in seinen "Dämonen" das Doppelspiel zaristischer Agents provocateurs. Joseph Conrads "Geheimagent" organisierte selber das Bombenattentat, zu dem die palavernden Anarchisten, die er beobachten sollte, unfähig waren.

Chesterton erzählte 1908 in "Der Mann, der Donnerstag war" von einem Verschwörer-Septett, dessen Mitglieder bis auf einen allesamt Polizeispitzel sich tragikomisch-metaphysische Verfolgungsjagden liefern.

Fortgeschrittene Verschwörungstheoretiker halten sogar die Wende von 1989 für eine Inszenierung der Stasi; immerhin waren ja viele der eifrigsten Bürgerrechtler "informelle Mitarbeiter".


Der Verfassungsschutz zeigte schon in der Affäre um das "Celler Loch", dass er im Falle von Beweisnot den Terror selber in die Hand nimmt. So stellt er seinen geliebten Feinden immer wieder die Gelegenheiten, Mittel und Menschen zur Verfügung, die er zu ihrer Dämonisierung (und seiner eigenen Legitimation) bedarf. Die V-Männer wiederum,legitime Diener zweier Herren, dürfen im Auftrag der Verfassung antisemitische Sprüche klopfen.

Bei Thomas Pynchon, dem Meister der politischen Paranoia, sind Linke, Ketzer und Hippies in der Regel Regierungs- oder Doppelagenten. In "Vineland" etwa ist die ganze Geschichte seit 1968 vom FBI unterwandert. Nicht, dass RAF und Neonazis nur Phantome wären. Aber wenn der Verfassungsschutz, um seine Existenz zu erhalten, seine Dämonen dauernd neu erfinden muss, wäre seine Abschaffung vielleicht der wirksamste Exorzismus.
hal

URL: http://www.badische-zeitung.de/1012124014335


Super..... Hier hat ein Journalist mal richtig .... Nachgedacht
... Bravo und Danke hal !


sagt Tom Moak